Apps bauen als Nicht-IT-ler
Warum Claude Code eigentlich anders heissen müsste
«'Claude Code' müsste eigentlich besser 'Claude Apps' heissen. Denn da steckt der Nutzen.»
Diesen Satz sage ich in letzter Zeit oft – und er löst verlässlich zwei Reaktionen aus. Die einen nicken, weil sie es selbst erlebt haben. Die anderen schauen skeptisch: «Code? Ich? Ich habe noch nie programmiert.» Genau für die zweite Gruppe ist dieser Artikel.
Denn hier liegt ein Missverständnis vor, das gerade viele Menschen von einer der grössten Produktivitätschancen ihres Berufslebens abhält: Der Name «Claude Code» (und ähnlich «Codex» oder «GitHub Copilot») suggeriert, es gehe um Programmieren. Tut es aber nicht mehr. Es geht um Apps – um Software, die genau das tut, was Sie brauchen. Der Code ist nur noch das Material, aus dem sie besteht. Und dieses Material müssen Sie so wenig verstehen wie die Statik Ihres Bürogebäudes, um darin zu arbeiten.
Die eigentliche Verschiebung
Jahrzehntelang war die Gleichung klar: Wer Software will, braucht jemanden, der programmieren kann. Diese Fähigkeit war der Engpass – teuer, knapp, langsam. Diese Gleichung gilt nicht mehr. Der Engpass hat sich verschoben, und zwar zu drei Dingen, die mit klassischem Programmieren wenig zu tun haben:
Erstens: gute Ideen haben. Zu erkennen, wo im eigenen Arbeitsalltag ein Werkzeug fehlt. Das klingt banal, ist aber eine echte Kompetenz – die meisten von uns haben gelernt, Umständlichkeiten zu ertragen statt sie zu benennen.
Zweitens: Ideen in klare Anforderungen übersetzen. Präzise beschreiben, was das Werkzeug tun soll, wie es sich verhalten soll, was es nicht tun soll. Wer sauber denken und formulieren kann, bringt hierfür bessere Voraussetzungen mit als manche Person mit Informatikstudium.
Drittens: das Handwerk. Tools wie Claude Code richtig bedienen – wissen, wie man instruiert, testet, nachjustiert. Das ist lernbar, und zwar erstaunlich schnell.
Der Code selbst? Entsteht im Hintergrund. Für die meisten Menschen müsste er gar nicht mehr sichtbar sein – sie könnten damit ohnehin wenig anfangen. Und das ist völlig in Ordnung. Entscheidend ist, was die App tut, nicht wie sie innen aussieht.
Zehn Minuten für ein Problem, das mich jahrelang genervt hat
Ein Beispiel aus meinem eigenen Alltag. Vor einigen Wochen brauchte ich ein PowerPoint-Plugin, das jede Folie mit einer geschätzten Dauer versehen kann – um das Timing in Workshops sauber zu planen. Bis dahin hatte ich diese Zeiten in den Präsentationsnotizen gepflegt. Das Problem: Sobald Folien ausgeblendet, verschoben oder ergänzt werden, stimmt die Rechnung nicht mehr, und man muss von Hand über alles drüber. Wer regelmässig Workshops hält, kennt diese Sorte Dauerärgernis.
Die Lösung entstand in zwei Mal fünf Minuten Arbeit:
Fünf Minuten Denken: Klar umreissen, was ich will und wie es funktionieren soll. Jede Folie bekommt eine Dauer, das Plugin summiert automatisch, zeigt die Gesamtzeit an und rechnet bei jeder Änderung neu.
Fünf Minuten Prüfen: Die erste funktionierende Version testen, Anpassungen und Ergänzungen einfordern.
Danach war es fertig. Das Problem ist seither für immer abgehakt. Und nein, das war kein Glückstreffer: Auf diese Weise habe ich inzwischen Dutzende kleiner (und grosser) Apps gebaut – für mich und für andere. Werkzeuge, die es so nicht zu kaufen gibt, weil sie zu spezifisch sind, um für einen Softwareanbieter interessant zu sein. Genau darin liegt der Witz: Die wertvollsten Apps sind oft die, die nur für Sie Sinn ergeben.
Was das für Sie bedeutet
Der Punkt ist nicht, dass ich das kann. Der Punkt ist, dass es fast alle können – wenn sie sich davon nicht abschrecken lassen, dass irgendwo im Hintergrund Code entsteht. Was es braucht, ist eine Beschäftigung in angemessener Tiefe. Und die beginnt nicht mit einem Lehrbuch, sondern mit einigen Stunden Exploration und Spass: ausprobieren, staunen, das nächste Dauerärgernis aus dem eigenen Alltag anpacken.
Das Resultat dieser Beschäftigung ist bemerkenswert: Sie können nahezu jede Software, die Sie sich wünschen, in Windeseile erstellen lassen. Ich formuliere das bewusst vorsichtig und meine es trotzdem gross: Mir ist kein anderer Hebel bekannt, mit dem sich in so kurzer Zeit so viel konkreter Nutzen stiften lässt – für die eigene Arbeit, das eigene Team, die eigene Organisation.
Natürlich gibt es Grenzen. Unternehmenskritische Systeme mit sensiblen Daten, Software für Tausende von Nutzenden, Sicherheitsfragen – da hört der Selbstbau auf und Professionalität im klassischen Sinn beginnt. Aber die riesige Kategorie dazwischen – persönliche Werkzeuge, Team-Helfer, Prototypen, Automatisierungen – gehört jetzt Ihnen.
Warum es gemeinsam schneller geht
Kann man sich das alles mit YouTube und Tutorials beibringen? Ja, durchaus – die Einstiegshürde ist so niedrig wie nie. Aber es geht schneller, effektiver und vor allem mit deutlich mehr Freude gemeinsam, mit Menschen, die einen durch die entscheidenden ersten Schritte führen: die einem zeigen, wie man Anforderungen formuliert, woran man merkt, dass die KI in die falsche Richtung läuft, und wie man aus einem ersten Wurf ein verlässliches Werkzeug macht.
Genau das tun wir im CAS AI Hands-On: Am Kurstag «Coding with AI» erleben die Teilnehmenden das sogenannte Vibe-Coding – gemeinsames Programmieren mit einer KI – und bauen selbst eine Anwendung, testen sie und bauen sie aus. Ausdrücklich auch dann, wenn sie noch nie eine einzige Zeile Code gesehen haben. Erfahrungsgemäss ist es einer der Tage, an denen am meisten gelacht und am meisten gestaunt wird – oft im selben Moment.
Probieren Sie es aus
Mein Vorschlag für diese Woche: Notieren Sie ein Dauerärgernis aus Ihrem Arbeitsalltag – etwas, das Sie regelmässig von Hand erledigen und das sich anfühlt, als müsste es ein Werkzeug dafür geben. Beschreiben Sie in fünf Sätzen, was dieses Werkzeug tun soll. Mehr braucht es für den Anfang nicht.
Denn die eigentliche Erkenntnis dieses Artikels ist keine technische, sondern eine über Möglichkeiten: Die Frage ist nicht mehr «Kann ich das bauen?», sondern «Was will ich gebaut haben?». Und diese Frage kann niemand besser beantworten als Sie selbst.
Warnung
Zwei Dinge, die abschliessend wichtig sind:
1. Es besteht durchaus Suchtgefahr. In unseren Kursen sind etliche, die der Begeisterung und Effizienz anheimgefallen sind, nachdem sie die Magie von Claude Code für sich entdeckt haben.
2. Dieser Artikel soll nicht besagen, dass alle Softwareentwickler ab heute überflüssig sind. Für grosse, komplexe Projekte, Skalierung, sichere öffentliche Applikationen und Systeme ist viel Kompetenz gefragt, die KI derzeit noch nicht 100% zuverlässig und unüberprüft liefert. Für unzählige direkt einsetzbare Apps für den eigenen Bedarf, ist die Schwelle um loszulegen allerdings extrem tief. Und darum geht es in diesem Artikel.
Der Kurstag «Coding with AI» ist Teil des CAS AI Hands-On am IKF – ein Programm für alle, die KI nicht nur kennen, sondern können wollen. Technische Vorkenntnisse braucht es keine. Mehr zum CAS AI Hands-On
Yannick Treichel, MAS MBA, Studienleitung IKF
Den Zugang zum Nutzen von KI allen zu ermöglichen, die sich auf die Reise einlassen, ist es, was mir besonders viel Freude bereitet. Wir erleben, denken, experimentieren und übertragen gemeinsam mit Expert*innen auf Augenhöhe. Wenn Sie daran ebenfalls Freude haben könnten, lassen Sie uns gerne miteinander ins Gespräch gehen.
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